Die Stadt Jindřichův Hradec – Geschichte

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Südostböhmen ist auf eine ganz eigenartige Weise bezaubernd. Die Landschaft, durchwebt von den an ihrer Oberfläche wie Spiegel glänzenden Bächen, Flüssen und insbesondere Teichen, hebt sich hier aus dem plateauförmigen Wittingauer Becken in die bewaldeten Hügel des Böhmischen Kanada empor, um auf einem kleinen Stück Land ihre Vielfalt darzubieten. Und in der Mitte all dieser Naturschönheiten ruht ein wirkliches Kleinod:

  • eine Stadt oberhalb des Teiches Vajgar, dessen Oberfläche das prachtvolle Panorama einer gotischen Burg und eines Renaissanceschlosses widerspiegelt, eines stummen Zeugen des erloschenen Sterns seiner damaligen adligen Bewohner ;
  • eine Stadt am 15. Mittagskreis, der die Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt mit einem großen, weit in die Gegend hinausragenden Stadtturm schneidet;
  • eine Stadt, die noch Mitte des 17. Jahrhunderts zu den größten im Königreich Böhmen gehört hatte;
  • eine Stadt, deren historischer Stadtkern wegen seines hohen historischen, architektonischen sowie auch kulturellen Wertes zum Städtischen Denkmalschutzgebiet erklärt wurde;
  • eine Stadt, die wegen ihrer exklusiven Sehenswürdigkeiten sowie auch der unzerstörten Umwelt ihrer Umgebung von zahlreichen Touristen aus Böhmen wie auch aus dem Ausland aufgesucht wird; die Stadt der "Goldenen Rose": Jindřichův Hradec.

Die Anfänge der Stadt Jindřichův Hradec hängen mit der Existenz einer slawischen Burgstätte in einer günstigen Lage an der Landzunge des Flusses Nežárka und des Baches Hamerský zusammen. Diese Burgstätte galt spätestens ab dem 10. Jahrhundert als Verwaltungszentrum der breiten Umgebung und gleichzeitig als wichtiger strategischer Punkt im Süden des Přemysliden-Staates. Ende des 12. Jahrhunderts wurde das Land Südostböhmen Vítek von Prčice zu Teil, der dieses Gebiet unter seinen Söhnen aufteilte. Sie wurden Gründer bedeutender südböhmischer Adelsgeschlechter: von Landštejn, von Stráž, von Ústí, und der mächtigsten: von Rosenberg, und der Herren von Hradec. Alle Víteker nutzten dann in ihren Wappen die Fünfblattrose in verschiedenen Farben.


Die älteste erhaltene schriftliche Nachricht über
Hradec stammt aus dem Jahre 1220, als der Begründer des Herrengeschlechts von Hradec, Jindřich I., der älteste Sohn Víteks von Prčice, das Herrengut von Jindřichův Hradec in Besitz hatte. Der ließ an Stelle der früheren Burgstätte eine gotische Burg erbauen, in deren Vorburgraum Mitte des 13. Jahrhunderts aus der ursprünglichen Handwerks-Handelsgemeinde eine Stadt entstand, die ihren Namen gerade nach Jindřich erhielt (in den lateinischen Urkunden wurde sie Nova domus genannt, daher der deutsche Name Neuhaus. Die derzeitige Bezeichnung der Stadt wurde erst im Jahre 1410 das erste Mal dokumentiert). Das Wappen der Herren von Hradec, eine goldene Rose in einem blauen Feld, ergänzt durch ein Privilegium des Königs Wladislaw II. aus dem Jahre 1483 um zwei goldene königliche Löwen und die Initiale W mit einer kleinen Krone, ist bis heute im Stadtwappen enthalten.


Den Höhepunkt ihrer Entwicklung erzielte die Stadt unter den letzten Herren von
Hradec in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts. In dieser Zeit werden die ursprünglichen gotischen Häuser umgebaut und es werden neue Renaissancebürgerhäuser auf dem Marktplatz sowie auch in den anliegenden Straßen gebaut. Hinter der nördlichen Stadtmauer breitet sich die so genannte Neustadt aus. Die Bürger profitierten von einem regen Handels- und Handwerkerleben, insbesondere von der Produktion und dem Verkauf von Tuch. Die Bedeutung der Stadt wuchs nicht nur in wirtschaftlichen Hinsicht, sondern auch dank der hohen Stellung, die das Hradecer Geschlecht der Víteker und nach ihm Wilhelm Slawata (in den Jahren 1628-1652 der Oberste Kanzler des Königreichs Böhmen) am königlichen Hofe im politischen Leben des Staates einnahmen. Als nach dem Dreißigjährigen Krieg im Jahre 1654 eine Bevölkerungs- und Häuserzählung erfolgte, stand Jindřichův Hradec mit seinen 405 Häusern unter den böhmischen Städten auf Rang zwei gleich nach Prag. Nicht lange danach verlor die Stadt jedoch ihre bedeutende politische Stellung. Ab dem Ende des 17. Jahrhunderts war sie nicht mehr Residenzstadt der neuen Herrschaftsbesitzer, des Geschlechts der Tscherniner, und so nahm dann auch Schritt für Schritt ihre wirtschaftliche Bedeutung ab.

Im Nordostzipfel des historischen Stadtkerns befindet sich eine der bemerkenswertesten Sehenswürdigkeiten von Jindřichův Hradec, der Baukomplex der Kirche des Hl. Johannes des Täufers mit den anliegenden Gebäuden des ehemaligen Minoritenklosters und später des hinzu gebauten Spitals. Die gotische Kirche, an deren Stelle ursprünglich ein romanisches Heiligtum stand, entstand schrittweise ab dem Beginn des 13. Jahrhunderts. Im dauffolgenden Jahrhundert wurde die St. Nikolaus-Kapelle erbaut, die hin und wieder als Perle der Hochgotik in Südböhmen bezeichnet wird. Des Weiteren wurde mit dem Bau eines Klosters begonnen. Die ursprüngliche reiche gotische Freskoverzierung der Kirche, die zu den bedeutendsten Erscheinungen der böhmischen Wandmalerei aus der Mitte des 14. Jahrhunderts zählt, wurde im oberen Teil des Hauptschiffes durch ein Sterngewölbe aus dem 15. Jahrhundert teilweise zerstört. Die interessante Architektur, der Reichtum der Wandgemälde, eine Reihe Grabsteine, von welchen der gotische Grabstein der Magdalene von Gleichen (1492) aus rotem Marmor am wertvollsten ist, und die Renaissancegrabsteine der Herren Špánovský von Lissow aus dem 1. Viertel des 17. Jahrhunderts, sowie das frühbarocke Mobiliar der Kirche machen den gesamten Komplex einem einzigartigen Denkmal von mitteleuropäischer Bedeutung. Die Kirche, die sich in der Verwaltung des Museums von Jindřichův Hradec befindet, wurde vor kurzer Zeit zugänglich gemacht. Ebenfalls das Klostergebäude wird rekonstruiert und wird in den nächsten Jahren für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Kirche dient als Konzertsaal, das südliche Seitenschiff der Kirche wird vom Museum zu Ausstellungszwecken genutzt.


An der Einmündung der Straße
Svatojánská in den Platz des Friedens steht das Gebäude des ehemaligen Hotels „Zur Goldenen Gans“, wo Karel Havlíček Borovský während seiner unfreiwilligen Reise in die Verbannung übernachtet hatte, auf der ihn Kommissar Dedera, ein Landsmann aus Jindřichův Hradec, begleitete. In dem Nebenhaus (heute das Hotel Concertino) soll 1600 der bekannte tschechische Barockdichter und Komponist Adam Michna von Otradovice geboren worden sein.


Das Zentrum des historischen Teils von
Jindřichův Hradec ist der Platz des Friedens mit einem ursprünglich gotischen Rathaus, das mehrmals umgebaut wurde (der erste Nachweis über die Rekonstruktion des steinernen Rathauses stammt aus dem Jahre 1493) und an dessen Portal das Stadtwappen angebracht ist, und mit der Statuengruppe Jungfrau Mariä Himmelfahrt, einem typischsten Barockdenkmal, welches in den Jahren 1764 - 1766 von dem Bildhauer Matouš Strachovský geschaffen wurde. Auf der Nordostseite des Marktplatzes macht das sog. Langer-Haus auf sich aufmerksam, ein einzigartiges ursprünglich gotisches, später im Renaissancestil umgebautes Gebäude, dessen Portal mit figuralen, biblische Szenen darstellenden Sgraffiti verziert ist. Der Laubengang wurde mit einem Diamantengewölbe eingewölbt.


In der Altstadt dominiert die Propstkirche der Jungfrau Mariä Himmelfahrt mit einem Turm, dessen Ecke vom der 15. Meridian der Ostlänge durchlaufen wird. Die ursprünglich gotische Kirche wurde in der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts erbaut, hundert Jahre später wurde sie renoviert und um die sog. Špulířská-Kapelle mit einem interessanten gedrehten Rippengewölbe mit Figuralschlussstein und plastischen Verzierungen mit Tiermotiven vom Anfang des 16. Jahrhunderts erweitert. In der Kapelle wurden die Reliquien des heiligen Hippolyt, des Patrons der Stadt, beigesetzt. Der 65 m hohe Turm stammt aus dem 15. Jahrhundert. Sein jetziges Aussehen erwarb er – ähnlich wie eine Reihe der weiteren Stadtarchitektur – nach dem zerstörerischen Brand der Stadt im Jahre 1801, dem 318 Häuser und 30 Menschenleben zu Opfer fielen. In den Sommermonaten ist der Turm, von dem aus man eine wunderschöne Aussicht auf die Stadt sowie deren Umgebung hat, für die Öffentlichkeit zugänglich.


Der westliche Teil des historischen Stadtkerns wurde von der Bauaktivität der Jesuiten betroffen, die Ende des 16. Jahrhunderts von Adam II. von
Hradec nach Jindřichův Hradec eingeladen worden waren. Auf Anregung seiner Gattin Katharina von Montfort hin gründete er für sie ein Kolleg, an dessen frühbarockes Gebäude mit einer Renaissancefassade mit Sgraffiti die Kapelle der Hl. Maria Magdalena anliegt. Das interessante Bauwerk aus der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts, dessen Interieur wegen seiner einzigartigen Stuckdekoration interessant ist, wurde vor kurzer Zeit renoviert und wird zu Ausstellungs- und Konzertzwecken genutzt. Am Jesuitengymnasium, das zu den ältesten in Böhmen zählt, begann der Unterricht im Jahre 1595. Von den Pädagogen ist Bohuslav Balbín, ein berühmter Historiker, am bekanntesten. Dessen Namen trägt der anliegende Marktplatz, auf dem das Renaissancegebäude des ehemaligen Jesuitenseminars aus der 1. Hälfte des 17. Jahrhunders steht, heutzutage der Sitz des Museums von Jindřichův Hradec. An dieses Gebäude liegt das gotische, später im Renaissancestil umgebaute Stadttor Nežárecká an, das einzige, das von den ursprünglichen drei Stadttoren erhalten geblieben ist. Direkt gegenüber dem Museum steht auf dem Balbín-Platz ein Empire-Bauwerk aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, die ehemalige Druckerei Landfras, aus der mehr als einhundert Jahre lang Tausende von Bücherbändchen, für das Volk zum Lesen bestimmt, Jahrmarkt- und Wallfahrtslieder, Gebete und Gebetsbücher, aber auch eine Reihe von Lehrbüchern und heimatkundlicher Literatur, später auch die Regionalzeitungen, zu ihren Lesern hinausströmten. Die Druckerei Landfras, die ihre Niederlassungen in Budweis und Tabor hatte, war im 19. Jahrhundert einer der bedeutendsten Verlage außerhalb von Prag.


An das Renaissancegebäude des Museums schlie
ßt auf der Südseite der Gebäudekomplex der ehemaligen herrschaftlichen Brauerei an, wo in den Jahren 1831 - 1835 Friedrich Smetana verweilte, der hier auch seine erste Komposition, den Galopp D-Dur, komponierte. Eine völlig einzigartige kulturelle und historische Sehenswürdigkeit von Jindřichův Hradec ist zweifelsfrei der umfangreiche Gebäudekomplex der gotischen Burg und des Renaissanceschlosses, der über Jahrhunderte auf der Felsenlandzunge zwischen dem Fluss Nežárka und dem Bach Hamerský entstand, an der der heutige Teich Vajgar gebaut wurde. Der ursprüngliche frühgotische Palast mit einem Rundturm wurde unter Oldřich III. von Hradec in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts erweitert, aus dem Jahre 1338 stammen die vollkommen einzigartigen Wandmalereien, die die damals beliebte Legende über den heiligen Georg, den Patron der Ritter, darstellen. Nach einer weiteren Erweiterung der Burg im 15. Jahrhundert erfuhr die Residenz der Herren von Hradec im folgenden Jahrhundert die umfangreichsten baulichen Umgestaltungen. Die ursprüngliche mittelalterliche Burg wurde um ein prunkvolles Renaissanceschloss mit großen und kleinen Arkaden und einem einmaligen Rondell erweitert, was als Höhepunkt der meisterhaften italienischen Renaissancebaukunst gilt.


Oberhalb des Tals des Flusses
Nežárka ist der am besten erhaltene Teil der Schlossbefestigung zu sehen, an die die Stadtmauern mit dem Nežárecká Stadttor fließend anknüpfen. In der Straße Pod hradem (Unter der Burg), die sich zwischen Fluss und Stadtmauer dahin windet, stehen die bis heute erhalten gebliebenen Gerbereihäuser mit ihren typischen Mansardendächern, unter denen es genügend Platz zum Trocknen der Häute gab. Im Jahre 1954 zog in eines dieser Häuser unterhalb des Schlosses die bekannte Gobelinwerkstatt von Marie Teinitzerová um.


Eine Verkehrsachse im historischen Teil von
Jindřichův Hradec bilden die Straßen Rybniční und Panská. Die Rybniční-Straße führte vom Marktplatz zum Rybnická-Tor und zu einer Brücke, die in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts mit der barocken Statuengruppe „Die Kreuzigung“ und der Statue des Hl. Johann von Nepomuk von Matouš Strachovský verziert wurde. Am Ende der Brücke entstand Ende des 14. Jahrhunderts die gotische Spitalkirche der Hl. Elisabeth, in der sich heute ein Hotel befindet. Auf dem südlichen Hügel steht die gotische Friedhofskirche des Hl. Wenzels aus dem 14. Jahrhundert. Am Stadtrand befindet sich oberhalb des Tals von Nežárka der jüdische Friedhof. Außerhalb der Stadt, am gegenüberliegenden Ufer des Flusses Nežárka, steht das einst gern aufgesuchte Gartenrestaurant Rudolfov, erbaut nach einem Projekt von Josef Zítek, dem Architekten des Nationaltheaters.


Die
Panská-Straße verbindet die alte Stadtmitte mit dem Neustadtplatz (heute Masaryk-Platz), an den ein Park anschließt, der anstelle des ehemaligen Wallgrabens erbaut wurde. An die Stadtmauern erinnert eine einzige Rundbastei, später klassizistisch umgebaut. Im Park befinden sich das Hus-Denkmal und eine Terrasse mit Aussicht auf das Schloss und den Fluss Nežárka, in dessen Tal ein weiterer Park errichtet worden ist. Hinter dem Fluss sind Haltepunkte des Kreuzwegs erhalten, die bis zur neugotischen Kirche des Hl. Jakob hinführen.


Vom Masaryk-Platz aus führt die Klášterská-Straße (Klosterstraße) zum Franziskanerkloster mit der Kirche der Hl. Katharina. Die ursprünglich gotische Kirche wurde Ende des 15. Jahrhunderts erbaut. Das heutige Aussehen erhielt sie durch Umbauten nach den Bränden in den Jahren 1669 und 1801. Die Kirche ist mit dem gegenüberliegenden Gebäude verbunden (das sog. Klösterchen). Das Gebäude wurde aus dem ursprünglichen gotischen Spital zum Witwensitz der Hradecer Obrigkeit umgebaut. Parallel mit der Klosterstraße mündet in den Masaryk-Platz die Straße Jarošovská, an der sich ein kleiner Park (ehemaliger Friedhof) mit der Renaissancekirche der Heiligen Dreifaltigkeit vom Ende des 16. Jahrhunderts erstreckt. In der Nachbarschaft des Parks befindet sich das Jindřichův-Hradecer Fakultätsgebäude der Hochschule für Wirtschaft in Prag.

11.4.2011 9:25:58 - aktualisiert 13.10.2014 11:43:59 | gelesen 19126x | Vladislav Sochna

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